05.01.2010 | 17:00 | Ruhr-Universität Bochum

Kritische Theorie und Psychoanalyse

Studien zum autoritären Charakter - Seminar des Instituts für Sozialtheorie


"Nicht nur die bevorzugten Klassen, welche die Wohltaten dieser Kultur genießen, sondern auch die Unterdrückten können an ihr Anteil haben, indem die Berechtigung, die Außenstehenden zu verachten, sie für die Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man ist zwar ein elender von Schulden und Kriegsdiensten geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Diese Identifzierung der Unterdrückten mit der sie beherrschenden und ausbeutenden Klasse ist aber nur ein Stück eines größeren Zusammenhanges."
Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion (1927)

Mit der analytischen Sozialpsychologie, die im Rahmen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung seit den frühen 1930’er Jahren entwickelt wurde, öffnete sich die kritische Gesellschaftstheorie den Erfahrungen des ‚Katastrophenzeitalters’. Sie entdeckte die Relevanz des ‚subjektiven Faktors’. Mit dem Versuch der sozialpsychologischen Ergründung noch der triebstrukturellen Grundlagen der Reproduktion einer ‚unvernünftigen Gesellschaft’, stellte die Kritische Theorie das Resultat eines Lernprozesses dar, dessen Niveau auch von verwandten Vertretern und Richtungen eines kritischen Marxismus nicht erreicht wurde; denn gerade die ‚irrationale’, emotionale Dimension sozialer Praxis, wie die soziale Dimension des Triebhaften blieb diesen weitgehend fremd. Zugleich gelang der Kritischen Theorie die Ausarbeitung einer Psychologie ohne Psychologismus: Sie öffnete sich der Psychoanalyse, ohne eine historisch-materialistische Perspektive aufzugeben.

Angesichts eines seit den 90er Jahren – nicht nur – in Deutschland wieder auflebenden offenen Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus, bestätigt sich Adornos Diagnose vom „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“ und beanspruchen die Untersuchungen der Frankfurter Schule zu Autoritarismus und Antisemitismus eine ungebrochene Aktualität.

Gegenstand des als Einführung konzipierten Seminars sind die theoretischen Grundlagen einer kritischen Sozialpsychologie des ‚spätbürgerlichen’ Subjekts, insbesondere des autoritären Charakters, wie sie seit Anfang der 30er Jahre von den Vertretern der Frankfurter Schule entwickelt wurde.

Textgrundlage:

Erich Fromm (1980) [1932]: Über Methode und Aufgabe einer einer analytischen Sozialpsychologie. In: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 1. München. S. 28-54.

Erich Fromm (1980) [1932]: Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie. In: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 1. München. S. 253-277.